JUN
2026
Do Birds Dream?
Archiv des Unterwegsseins
Süsses Ensemble
Dokumentationsauftrag zur Avifauna (Über die Sehnsucht, Vögel im Flug zu protokollieren) ODER Vogelforschung (Zeichnen nach Präparaten: Ich glaub, ich hab den Vogel)
Vögel, Bücher, Familienreste: ein Ensemble aus Beobachtungen, Notizen, Fundstücken und Wiederholungen. Ich sammle Vogelstimmen, Museumsstudien, Zeichnungen, Randbemerkungen, alte Buchrücken und Familienerzählungen — nicht um sie zu ordnen, sondern um zu sehen, wie sie sich überlagern, verschieben, fortsetzen.
Brandenburg ist dabei Gegenwart und Zwischenraum zugleich; Familie, Herkunft, Material, Spur. Aus dem Unterwegssein entsteht kein abgeschlossenes Bild, sondern ein wachsendes Gefüge aus Fragmenten, das sich immer wieder neu zusammensetzt.
Die Forschung begann unter dem Arbeitstitel
„Do birds dream?“ - eine Frage nach dem Vogel als Weltbildner, nach Wahrnehmung, Erinnerung und Konstruktion von Raum jenseits des Menschen.
Und eine poetische Frage nach Identität.
Parallel schreibe ich an einem Roman über Heimat und Migration mit dem Arbeitstitel: "Die Karte meiner Kindheit."
Archiv des Unterwegsseins
Vulkanfiberfabrik Werder, 2026
Archiv des Unterwegsseins
Vulkanfiberfabrik Werder, 2026
Migratenwahn
»Schatzi, guten Appetit!«
Du schaust auf das Canapé und zählst die Gegenstände. Die meisten kennst du aus deiner Kindheit, sie sind wie ein Fahrstuhl durch die Zeit. Da liegt auch die Kratzgabel. Dein Liebling. Sie ist für Omas Rücken, aber auch, um Fliegen zu töten. Blitzschnell, die hölzerne Hand.
»Danke, Oma.«
Du starrst in die weiße Suppe. Schwimmende Fettaugen, die glotzen dich an, rufen: »Komm zu uns, komm rein, hier ist es wohlig und wärmlich, da kommst du nicht mehr raus.« Du siehst die Cornichons, grüne Leichen unter der Oberfläche, sie treiben, die Spitze einer Silberzwiebel dreht auf und wieder ab. Du hebst den schweren Löffel, tauchst ein, zerteilst die dünne Brühe, bist unschlüssig, riechst den deutschen Essig.
Die dicken bemalten Teller schauen, Ahnen, vom Canapé in deine Suppe. Flüstern, dass du sie essen musst, Oma hat früher besser gekocht, aber sie kann eben nicht mehr so gut einkaufen gehen, der Fuß, raunen sie entschuldigend, aber gleich werden sie auch wütend. Du siehst, wie ihre Schatten wachsen, drohen, und du rührst.
»Wenn du das Tattoo wieder weg haben willst, machst du rohes Fleisch drauf.«
»Echt, Oma? Rind oder Schwein?«
»Roh, in einer dünnen Scheibe geschnitten, auf den Arm, lässt du über Nacht drauf.«
Textauszug aus der Anthologie über Migration, Veröffentlichung ab August 2026 (Titel noch nicht bekannt)
2026 Frei!Geist Autorenverlag
Alexander Kiensch
Alle Rechte liegen bei den Autor*innen
Printed in Germany 2026